Der Korridor vor den Toiletten ist ruhiger als der Rest der Lounge. Nicht still, aber weit genug von Musik, Sponsoren und Buffetrauschen entfernt, dass hier jede Bewegung sofort privater wirkt. Helles Steinzeug. Zu saubere Spiegel. Eine Vase mit weißen Hortensien, als müsse selbst der Weg zu den Sanitäranlagen hier noch aussehen wie ein kuratiertes Versprechen.
Die Tür zur Herrentoilette öffnet sich.
Shane kommt heraus, die Hände noch feucht, den Blick kurz aufs Handy gerichtet. Das Gesicht eines Mannes, der für zwei Minuten Ruhe gesucht und in diesen zwei Minuten keine gefunden hat.
Er steckt das Telefon weg, zieht den Teammantel enger um sich und ist im Begriff, den Korridor zurück Richtung Lounge zu queren, als ihm Claudia entgegenkommt. Schnell, aber nicht auffällig. Mit jener Konzentration, die Menschen meist erst bemerken, wenn sie schon angerempelt wurden. Beide stoßen an der Schulter zusammen.
Nicht hart. Gerade stark genug, dass Shane automatisch einen halben Schritt ausgleichen muss. Der Schmerz erinnert ihn unabsichtlich an die Eishalle von Illinois und die Verfolgung des Turnierarztes.
SHANE
Sorry.
CLAUDIA
Tut mir leid, ich war in Gedanken.
Sie sieht ihn dabei nur kurz an. Nicht entschuldigend. Eher registrierend. Ein Augenblick, in dem ihre Hände unterhalb der Blicklinie beider Körper arbeiten: ein Griff an Stoff, ein kaum sichtbares Lösen der Manteltasche, ein sauberes Verschwinden des schwarzen Pucks in Claudias schmaler Hand. Shane hat bereits wieder den halben Reflex eines höflichen Prominenten aufgesetzt, der gelernt hat, kleine Kollisionen nicht größer zu machen als nötig.
SHANE
Kein Problem.
Sie geht an ihm vorbei, noch bevor der Satz bei ihm ganz angekommen ist. Shane dreht sich ihr einen Moment lang nach. Nicht alarmiert. Nur irritiert genug, um sich den Wortlaut merken zu wollen. Dann vibriert sein Handy. Er zieht es heraus, sieht auf den Bildschirm und ist sofort wieder bei einer anderen Form von Unruhe: „Suite 169 in fünf Minuten. Ich gebe dir fünfzehn Minuten, dich über deine Niederlage auszuheulen.“
Er schwitzt, überlegt, ob er etwas antworten soll. Stattdessen geht er mit so eiligem Schritt, dass es gerade noch nicht Laufen ist zum Korridor Richtung Hotel.
Claudia öffnet bereits die Tür zur Damentoilette und verschwindet darin. Die Damentoilette ist so elegant, dass jedes Bedürfnis darin wie ein Designfehler wirkt.
Weiße Marmorplatten. Kaltes Licht hinter Spiegeln. Messingarmaturen. Ein Duft, der teuer genug ist, um als Parfum gelten zu können. Claudia geht an den Waschbecken vorbei, ohne auch nur einen Blick in den Spiegel zu werfen. Sie prüft kurz, ob außer ihr noch jemand im Raum ist.
Eine Frau im Abendkleid steht am Waschtisch und richtet lautlos ein zu perfektes Make-up nach. Eine zweite Kabine ist geschlossen. Dahinter hört man das diskrete Rascheln eines Abendkleids und das ungeduldige Schließen einer kleinen Handtasche.
Claudia wartet keinen unnötigen Atemzug. Sie geht in die letzte Kabine, schließt ab und stellt sich sofort mit dem Rücken zur Tür.
Dann holt sie den schwarzen Puck hervor. Im engen Licht der Kabine wirkt er weniger wie ein Souvenir als zuvor. Zu sauber. Zu präzise. Zu wenig zufällig in seinem Gewicht. Claudia dreht ihn in der Hand.
Auf der Oberfläche die feine Gravur des Abends. Atlantis. Stromberg. Wohltätigkeit. Unter der Gravur ein kaum sichtbarer Ring, nicht ganz bündig. Sie nimmt eine Haarnadel aus ihrer Frisur. Kein improvisierter Einfall. Werkzeug. Ein kurzer Druck an die unscheinbare Vertiefung unter dem Schriftzug.
Nichts. Sie dreht den Puck um. Am Rand ist eine zweite winzige Kerbe. Wieder Druck. Diesmal ergibt sich ein kaum hörbares Klicken.
Der Puck löst sich in zwei saubere Hälften.
Nicht mechanisch grob, sondern mit der Präzision eines Objekts, das für Hände gebaut wurde, die wissen, wonach sie suchen. Innen: kein Mikrofilm und kein einfacher Datenträger.
Stattdessen eine kreisförmig eingelegte Metallplatte mit mikroskopisch feinen Gravuren, kaum breiter als eine Münze, und darunter ein winziger dunkler Einsatz, der wie ein Schlüsselchip aussieht, aber zu speziell für gewöhnliche Elektronik ist.
Claudia zieht die innere Scheibe vorsichtig heraus. Auf ihrer Rückseite ist ein architektonischer Plan eingeätzt. Kein Gesamtplan der Arena. Nur ein Fragment. Der Bereich unter Hotel und Arena. Servicegänge. Ein Lastenlift. Eine diskrete, nicht öffentlich markierte Zone. Am Rand eine Kennzeichnung: KRYOLOGIE / TECHNIK EBENE -2 darunter eine Zahlenfolge. Claudia liest sie einmal. Dann noch einmal. Nicht, um sie zu verstehen. Um zu prüfen, ob sie sie wiedererkennt.
Das ist eine Zugangskennung.
Unter der Metallplatte sitzt der schwarze Einsatz in einer magnetischen Fassung. Claudia löst ihn mit dem Fingernagel heraus. Der Chip ist auf einer Seite glatt. Auf der anderen mit einer kaum sichtbaren Spiralstruktur versehen. Sie sieht wieder auf den eingravierten Teilplan. Der Servicekorridor, der verglaste Verbindungsgang, die vertikale Achse zum Hotel, und darunter ein Labor, das in keinem öffentlichen Bauplan dieses Gebäudes auftauchen sollte. Ein Stockwerk unter dem Hotel: zu tief, zu abgeschirmt und zu teuer. Das, was sie oben hätte kaufen können, würde nichts im Verhältnis zu dem sein, was hinter dieser verschlossenen Türe unter dem Hotelkeller liegen könnte.
Von draußen dringt das gedämpfte Geräusch einer sich öffnenden Toilettentür herein. Schritte. Wasser läuft. Eine Frau hustet leise in den Spiegel.
Claudia bleibt vollkommen ruhig. Sie legt die beiden Puckhälften nebeneinander auf den geschlossenen Toilettendeckel, zieht das Handy hervor und macht ein Photo. Stattdessen sieht sie sich den Plan noch einmal an, prägt ihn sich ein, zählt Wege, Abzweigungen, die Breite des Servicegangs, den Zugang von der Hotelseite. Dann erst baut sie alles wieder zusammen: Metallscheibe zurück. Schlüsselchip in die Fassung. Hälften aufeinander. Ein kurzer Druck. Klick. Wieder nur ein Souvenir. Wenn man nicht weiß, was man hält.
Claudia steckt den Puck nicht in ihre Tasche, sondern in die Innenseite ihres Mantels, näher am Körper. Leise, fast nur für sich:
CLAUDIA
Natürlich.
Kein Staunen. Nur Bestätigung. Jetzt ergibt Linds Nervosität Sinn. Der Puck war nie Botschaft allein. Er war Wegbeschreibung und Zugang in einem. Draußen verlässt die Frau am Waschbecken die Toilette. Die zweite Kabine öffnet sich. Eine Sponsorin murmelt etwas über zu kalten Wodka und zu wenig Zitrone. Claudia entriegelt die Tür nicht sofort. Sie denkt. Lind wollte nicht verkaufen, das hätte er diskret bei der Technikerbesprechung machen können. Er wollte, dass jemand den Ort unter dem Hotel findet, bevor Signe Ravn und ihre Leute ihn ganz schließen konnten. Und er hatte ausgerechnet Shane als Transportweg gewählt, weil Sichtbarkeit oft die beste Tarnung ist. Damit irgendein US-Verbündeter in Washington oder Indianapolis oder Richmond dann diese in der EU hergestellten Informationen einfach gratis abgreifen könnte. Claudia betätigte die Spülung, auch um ihren Abscheu vor diesem Verrat an Europa wegzuspülen.
Claudia öffnet die Kabinentür und tritt an den Waschbereich. Sie wäscht sich die Hände, obwohl sie sie nicht schmutzig gemacht hat, und sieht im Spiegel nicht sich selbst an, sondern den Raum hinter sich.
Sie trocknet die Hände mit einem weißen Damasttuch, wirft es präzise weg und geht zur Tür. Bevor sie den Raum verlässt, nimmt sie das Handy noch einmal heraus und tippt nur eine kurze, ungesendete Notiz: Keine weiteren Anomalien seit Lindverschwinden.
Dann steckt sie das Telefon weg, ohne die Notiz zu speichern. Es genügt, dass sie jetzt weiß, was zu tun ist. Sie öffnet die Tür und tritt zurück in den Korridor. Der Abend draußen klingt immer noch nach Kultur, Geld und frostiger Höflichkeit. Claudia geht in die entgegengesetzte Richtung der Lounge. Nicht mehr auf der Suche nach Erklärungen, sondern nach dem Labor unterhalb des Hotelkellers.


